Dolores LaChapelle, Heilige Erde - Heiliger Sex

Bd.1 Entwurzelung und unsere Wurzeln in den „alten Wegen”
Bd.2 Ritual und „heiliges Land”
Bd.3 Der Himmel auf Erden

Zum ersten Mal unterschied Arne Naess „tiefe Ökologie“ von „oberflächlicher Ökologie“ auf dem Kongress über die Zukunft der Dritten Welt in Bukarest im Jahr 1972. In diesem besonderen Zusammenhang erklärte er „oberflächliche Ökologie als einen Kampf gegen Verschmutzung und Ausbeutung der Ressourcen mit dem Hauptziel: die Gesundheit der Menschen in den entwickelten Ländern“, während Tiefenökologie „die Zurückweisung des Bildes vom Menschen in seiner Umwelt zugunsten des Bildes von einem ganzheitlichen Beziehungsgeflecht ist“. Zu den wesentlichen Zielen gehören: „Jede Lebensform hat das gleiche Recht zu leben und sich zu entfalten; Mannigfaltigkeit und Symbiose; regionale Selbständigkeit und Dezentralisierung.

Der Titel der Originalausgabe lautet Heilige Erde - Heiliger Sex - Tiefenrausch. Die Autorin (geb.1933, gestorben am 21.1.2007) ist mit ihrem Skifahren, Bergsteigen, Leben und Arbeiten in den Bergen und mit ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit für einen Paradigmenwechsel der westlichen Welt eine der wesentlichen Begründer/innen der „Tiefenökologie”. Dieses Buch will Zugänge und Türen öffnen und schöpft aus eigenem Erleben und Wahrnehmen, Natur und Kunst, der Philosophie der Vorsokratiker, Heideggers und Nietzsches, Needhams Zugang zur Wissenschaft Chinas, Taoismus und TaiChi, der Verhaltensforschung seit Lorenz und Tinbergen, C.G.Jungs Tiefenpsychologie, Lehren und Kosmologie der frühen Kulturen, der Systemtheorie Gregory Batesons und der Ethnologie seit Sol Tax u.v.a.

Jeder Abschnitt beginnt mit einer persönlichen Einführung und einem Ausblick und veranschaulicht, aus welcher Praxis und aus welcher Beschreibung heraus ihr Blickwinkel als Beobachterin des Themas entsteht. Die Autorin möchte einen Weg eröffnen, aus derselben Tiefe zu schöpfen, die uns den Begriff Tiefenökologie geschenkt hat (auf den die innere Tiefe der Menschen so bereitwillig antwortet), und dieser Weg heißt Ritual, was der Grund ist für den Untertitel der amerikanischen Ausgabe Über Tiefenökologie und das Feiern des Lebens.Dabei knüpft sie auch an Gregory Batesons Wo Engel zögern an.

In Bd.3 findet sich das Kap.15 Heiliger Sex”. Es kann das Thema in weitere und tiefere Zusammen-hänge stellen. Im einzelnen finden sich hier die folgenden Unterabschnitte: Sexuelle Strategien, die wir von unseren tierischen Ahnen übernommen haben; Strategie der Natur einer automatischen Geburtenkontrolle; Paarung und Fortpflanzung; ökosystemische Kulturen und biosphärische Kulturen; sexuelles Bonding in Ökosystemkulturen; abschließende Bemerkungen über Ökosystem-kulturen und Sex; taoistische Sexrituale; „die wahre Kunst, die Chhi's auszugleichen”; die heilige Mitte; Ähnlichkeiten taoistischer und primitiver Sexualtechniken; Jaime de Angulo über ritualisierten Sex einiger Indianerstämme; D.H. Lawrence über menschliche Sexualität und Natur.

Das Buch endet mit der anregenden Beschreibung der Vielfalt von sieben Wegen: Der Weg des Kürbis; Der Weg des Singens; Der Weg der Trommel; Der Weg des Tanzes; Der Weg des Redestabes; Der Weg des Barden; Der Weg des Tai Chi.

Sehr empfehlenswert, sehr anregend zu eigenem Spielen und Arbeiten, ein Klassiker. Der Verlag muss sich die Frage stellen lassen, warum er dieses Buch aus dem Programm genommen hat. Paperback, Verlag Neue Erde Saarbrücken 1998 - amerikan.Original 1988 - antiquarisch erhältlich


The Gary Snyder Reader

Gary Snyder ist eine wichtige kulturelle Stimme in den USA der letzten fünfzig Jahre. Poet mit dem Pulitzer Preis, Umweltaktivist, interkultureller Wanderer und Beobachter in USA, Japan und China, Zen-Buddhist, jemand der ähnlich wie Dolores La Chapelle in den Rocky Mountains den Bezug zur Erde, zur Wildnis, zu Pflanzen und Tieren lebt, jemand, der auch damit hadert, Guru einer Gegenkultur in 'Turtle Island' (so sollten sich in seiner Sicht die USA nennen, um sich wieder mit der Erde und den vorangegangenen Kulturen verbinden zu können) zu sein.

Dieser Reader enthält Reisetagebuchauszüge, Artikel, Essays, Übersetzungen und Gedichte aus fünf Jahrzehnten in englischer Sprache.
Zwei kurze Textauszüge sollen genügen, neugierig zu machen:

Der Mensch ist ein Tier von Schönheit. Wir wissen das, weil uns andere Tiere bewundern und lieben. Fast alle Tiere haben Schönheit und die Jäger der Steinzeit waren von dieser Schönheit tief bewegt. Jagen heißt volle Nutzung von Körper und Sinnen, um das Bewusstsein im Jetzt zu schärfen, zu fühlen, was das Rotwild heute denkt; still bei einem Wildwechsel sitzen und dein Selbst mit den Vögeln und dem Wind ziehen lassen. Jagdzauber hat den Zweck, die Beute zu dir zu bringen - die Kreatur, die deinem Lied gelauscht hat, Zeuge deiner Aufrichtigkeit wurde und sich aus Mitgefühl in deine Reichweite begibt. Jagdmagie zielt nicht nur darauf, wilde Tiere zu Tode zu bringen, sondern fördert auch ihre Geburt - steigert ihre Fruchtbarkeit. So handeln die großen iberischen Höhlenmalereien nicht allein von der Jagd - sondern auch vom Paaren und Gebären. Von einem spanischen Bauern, dem man Reproduktionen von Altamira zeigte, wird die Äußerung berichtet : Wie wunderschön gebiert diese Kuh ihr Kalb!Breuil sagte: Die Religion jener Tage erhob nicht das Tier zum Gott ... nein, das Tier wurde dehmütig angefleht, fruchtbar zu sein.
(Poetry and the Primitive, S.54 f.)

Hauptfunktion einer Weltreligion wie Hinduismus, Buddhismus, Islam, Christentum ist, die Gesellschaft zu bestärken, in deren Mitte sie lebt. Sogar jene Religionen, die ihre Mission definieren als Befreiung der Menschen von jeder Illusion, fanden notwendig, Kompromisse einzugehen, damit ihre kleine Subkultur nicht ihre steuerfreien Gebäude und Grundstücke verliert und in der Gesellschaft eine Ecke zugewiesen bekommt, in der sie existieren darf. Darum haben Klostereinrichtungen auch den Zölibat. Wenn sie selbst Kinder hervorbingen würden, würden sie ein Stamm werden! Als Stamm würden sie tiefer in die Transformation der Gesellschaft investieren und würden wirklich ein Stachel im Fleisch sein.” (East-West Interview, S.98 f.)

Sehr empfehlenswert, sehr anregend zu eigenem Spielen und Gestalten eigener Erfahrungen, ein Klassiker. Paperback, Counterpoint Press Berkeley California, 1999