Elaine Morgan
Der Mythos vom schwachen Geschlecht


Unsere gängigen Bilder über die frühe Geschichte der Menschheit drehen sich immer um den Mann. Der Mann als nackter Affe, als Jäger, als Werkzeug-hersteller etc. Die Frau taucht in diesen Bildern wenn überhaupt, dann nur als Heimchen am Herd auf, das die Jagdbeute zubereitet. Kinder findet man darin überhaupt nicht.
Die englische Anthropologin und Wissenschaftsjournalistin Elaine Morgan hat mit Geist, Witz und Wissenschaft diese Annahmen der Anthropologie und Evolutionstheorie einer Prüfung unterzogen. 1972 geschrieben als „Descent of Woman“, im selben Jahr auf Deutsch erschienen als „Der Mythos vom schwachen Geschlecht“, wurde dieses Buch ein Bestseller in den USA und auch im deutschsprachigen Raum.
Warum es auch 40 Jahre nach Erscheinen noch zu empfehlen ist? Es ist ein herausragendes Beispiel kreativer und fröhlicher Wissenschaft, die es sich leistet, offene und intelligente Fragestellungen zu verfolgen und Hypothesen zu entwickeln. Das ist etwas ganz Anderes als die oft beobachtete Praxis wissenschaftlicher Veröffentlichungen, aus dem gefundenen Material und dem eigenen Lieblingskonzept nachträglich Ausgangsfragen zu konstruieren, die -– welch Zufall! - von diesen dann genau beantwortet werden.
Morgan geht mit Geist, Witz und Herz an deren Überprüfung und kommt zu bemerkenswerten Einsichten, in deren Zentrum Sir Alister Hardys Hypothese vom „Wasseraffen“ steht: viele Merkmale von homo sapiens wie z.B. seine Nacktheit sind einfach und schlüssig dadurch zu erklären, dass man annimmt, dass unsere afrikanischen Primatenvorfahren längere Zeit im Wasser gelebt haben.
Daniel Dennett bemerkt dazu: „In den letzten Jahren fand ich mich in der Gesellschaft hervorragender Biologen, Evolutionstheoretiker, Paläoanthropologen und anderer Fachleute. Ich habe sie oft gefragt, mir bitte genau zu sagen, warum Elaine Morgan mit der Wassertheorie falsch liegen muss. Bis jetzt habe ich noch keine Antwort bekommen, die einer Erwähnung wert wäre, abgesehen von denen, die augenzwinkernd zugeben, dass sie sich das auch schon gefragt hätten.“

Was 1972 noch nicht vorauszusehen war, ist Elaine Morgans Nachhaltigkeit. 1982 schrieb sie The Aquatic Ape, 1990 The Scars of Evolution, 1994 The Descent of the Child, 1997 The Aquatic Ape Hypothesis und 2008 The Naked Darwinist (als PDF auf ihrer Website).
Als ebenso nachhaltig erweist sich leider die Taktik der Anthropologie als Institution, Morgans Ansatz zu ignorieren, der zur Korrektur liebgewordener Ansichten führen würde.
Es ist ermutigend zu sehen, dass Elaine Morgan (Jahrgang 1920 !) drangeblieben ist, eher traurig ist, bei der Lektüre von The naked Darwinist zu bemerken, dass ihr Humor und ihre Fröhlichkeit verständlicherweise dabei doch etwas gelitten haben. Den Ball dieser kreativen Ältesten auch in anderen Feldern aufzunehmen und weiterzuspielen, wie z.B. Helga Raunikar (jetzt Weule) das in ihrer Dissertation „Versuche zur Rekonstruktion der Frau als sinnlich tätiges Subjekt“ 1983 getan hat, dazu möchten diese Zeilen anregen.

Elaine Morgan, Der Mythos vom schwachen Geschlecht. Wie die Frauen wurden, was sie sind. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag 1975, antiquarisch sehr leicht zu bekommen.